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1 Im deutschen Original ursprünglich mit „Aufsichtsrat“ übersetzt. „Vorstand“ ist aber zutreffender (Anm. SDB)
Dermangent, Abgeordneter
Frappeloup, *, Generaldirektor der Bildungskreditbank Es folgten die mit größter Sorgfalt in Finanzsprache abgefaßten Statuten der Gesellschaft. Wie man sieht, weder der Name eines Gelehrten noch der eines Professors im Aufsichtsrat. Für ein kommerzielles Unternehmen war dies vertrauenerweckender.
Ein Regierungsinspektor überwachte das Wirken der Kompanie und erstattete dem Minister für die Verschönerung von Paris Bericht.
Der Einfall des Barons war gut und ausgesprochen praktisch, und so war ihm über alle Erwartungen hinaus Erfolg beschert.
1960 zählte die Bildungskreditbank nicht weniger als 157342
Schüler, denen die Wissenschaft mit mechanischen Mitteln eingeflößt wurde.
Wir müssen eingestehen, daß man das Studium der schönen Literatur, der alten Sprachen (Französisch eingeschlossen) mehr oder weniger geopfert hatte; Latein und Griechisch waren nicht nur tote, sondern begrabene Sprachen; der Form halber gab es noch ein wenig Literaturunterricht, doch war er schlecht besucht, wenig beachtenswert und noch weniger geachtet. Die Wörterbücher, die Gradus ad Parnassum, die Grammatiken, die Auswahlbände für Hin- und Rückübersetzungen, die klassischen Autoren, der gesamte Büchervorrat an irgendwelchen De Viris, Quintus Curtius, Sallust, Titus Livius schimmelte in den Regalen des alten Verlagshauses Hachette still vor sich hin; aber die Leitfäden der Mathematik, die Abhandlungen über darstellende Geometrie, über Mechanik, über Physik, über Chemie, über Astronomie, die Lehrbücher für praktische Industrie, für Handel, für Finanzen, für industrielle Künste, alles, was sich auf die spekulativen Tendenzen des Tages bezog, ging in Tausenden Exemplaren weg.
Kurz gesagt, die Aktien der Kompanie, die sich in zweiundzwanzig Jahren verzehnfacht hatten, besaßen nunmehr einen Wert von je 10000 Franc.
Wir wollen uns nicht länger über den blühenden Zustand der Bildungskreditbank auslassen; die Zahlen sagen alles, wie es in einem unter Bankiers geläufigen Sprichwort heißt.
Gegen Ende des letzten Jahrhunderts ging es mit der Ecole Normale ganz offensichtlich bergab; nur wenige junge Leute, die sich durch ihre Neigungen zu einer literarischen Berufslaufbahn hingezogen fühlten, bewarben sich um Aufnahme; man hatte bereits viele von ihnen, und darunter die besten, ihr Lehrergewand an den Nagel hängen und sich in das Gewühl von Journalisten und Autoren stürzen sehen; doch dieses verdrießliche Schauspiel wiederholte sich nicht mehr, denn seit zehn Jahren meldeten sich nur noch bei den wissenschaftlichen Studienrichtungen der Ecole Normale jede Menge Prüfungskandidaten.
Doch wenn auch die letzten Griechisch- und Lateinlehrer endgültig in ihren vereinsamten Klassen ausstarben, welchen Rang nahmen die Herren Professoren der Wissenschaften ein, und auf welch distinguierte Art und Weise sahnten sie ab!
Die Wissenschaften waren in sechs Zweige unterteilt: es gab einen Divisionschef für Mathematik, mit seinen Unterchefs für Arithmetik, Geometrie und Algebra – einen Divisionschef für Astronomie, einen für Mechanik, einen für Chemie, schließlich den bedeutendsten, den Divisionschef für angewandte Wissenschaften, mit seinen Unterchefs für Metallurgie, für Fabrikbau, für Mechanik und für Chemie im Bereich der Künste.
Die lebenden Fremdsprachen, mit Ausnahme des Französischen, standen hoch im Kurs; sie genossen besonderes Ansehen; ein passionierter Philologe hätte hier die zweitausend Sprachen und viertausend Idiome erlernen können, die in der ganzen Welt gesprochen wurden. Der Unterchef für Chinesisch brachte es seit der Kolonisation von Kotschinchina auf eine stattliche Schülerzahl.
Die Erste Allgemeine Bildungskreditbank besaß riesige, auf dem Areal des einstigen Marsfeldes errichtete Gebäude, denn seit Mars keine Gelder mehr aus der Staatskasse bezog, war auch das
Marsfeld nutzlos geworden. Sie war eine abgeschlossene Siedlung, eine richtige Stadt, mit ihren Vierteln, ihren Plätzen, Straßen, Palais, Kirchen, Kasernen, etwa so wie Nantes oder Bordeaux, und konnte einhundertachtzigtausend Seelen fassen, die der Lehrenden miteingerechnet.
Durch einen monumentalen Bogen gelangte man in den weitläufigen Ehrenhof; er wurde »Bildungsbahnhof« genannt und war von den Docks der Wissenschaft umgeben. Die Refektorien, die Schlafräume, der Saal für den jährlichen Leistungswettbewerb, in den bequem dreitausend Schüler paßten, lohnten eine Besichtigung, versetzten aber die seit fünfzig Jahren an so viele Wunderwerke gewohnten Leute nicht mehr in Erstaunen.
Die Menge drängte also begierig zu dieser Preisverteilung, einer immer wieder sehenswerten Festlichkeit, die gut und gerne fünfhunderttausend Menschen interessierte – sowohl Verwandte wie auch Freunde oder Verbündete. Und so strömten die Massen über die Eisenbahnstation Grenelle herbei, die damals am äußersten Ende der Rue de l'Université lag.
Diesem Publikumsandrang zum Trotz verlief alles in bester Ordnung; die Regierungsbeamten, weniger dienstbeflissen und deshalb weniger unausstehlich als die Angestellten der früheren Gesellschaften, ließen gerne alle Türen offenstehen; hundertfünfzig Jahre hatte man gebraucht, um zu erkennen, daß es bei großem Gedränge besser ist, die Zahl der Ausgänge zu vermehren, als sie zu reduzieren.
Der Bildungsbahnhof war für die Zeremonie prunkvoll hergerichtet worden; doch kein Platz ist so groß, daß er sich nicht füllt, und bald war der Ehrenhof voll.
Um drei Uhr hielt der Minister für die Verschönerung von Paris in Begleitung des Barons von Vercampin und der Mitglieder des Aufsichtsrates feierlich seinen Einzug; der Baron saß rechts von Seiner Exzellenz; Monsieur Frappeloup thronte zu seiner Linken; von der Tribüne herunter verlor sich der Blick in einem Meer von Köpfen. Da erschallten mit lautem Getöse, in allen Tonarten und in den unverträglichsten Rhythmen die verschiedenen Musikkapellen der Lehranstalt. Diese ordnungsgemäße
Kakophonie
schien
die
zweihundertfünfzigtausend Ohrenpaare, in die sie hineinbrauste, nicht weiter zu schockieren.
Die Zeremonie begann. Diskretes Raunen machte sich breit.
Der
Augenblick der Reden war gekommen.
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