Im vergangenen Jahrhundert behandelte ein gewisser Humorist namens Karr die eher offiziellen als lateinischen Reden, die bei Preisverteilungen heruntergeleiert wurden, genau so, wie sie es verdienten; in der Zeit, in der wir leben, hätte ihm dieser Stoff für seine Späße gefehlt, denn das lateinische Redekunststück war aus der Mode gekommen. Wer hätte es schon verstanden?
Nicht einmal der Unterchef für Rhetorik!
Eine Rede auf Chinesisch ersetzte es vorteilhaft; mehrere Passagen entlockten reihum zustimmendes Gemurmel; eine wundervolle Suada über den Vergleich der verschiedenen Zivilisationen auf den Sundainseln erhielt sogar die Ehre eines Dacapo. Dieses Wort wurde also noch verstanden.
Endlich erhob sich der Direktor für angewandte Wissenschaften.
Ein feierlicher Augenblick. Es war das Gustostück.
Diese rasende Rede erinnerte zum Verwechseln an das Pfeifen, Knirschen, Ächzen, an die tausend unliebsamen Geräusche, die einer auf vollen Touren laufenden Dampfmaschine entweichen; der hastige Ausstoß des Redners glich einem in höchste Rotation versetzten Schwungrad; es wäre unmöglich gewesen, diese Hochdruckeloquenz zu bremsen, und die quietschenden Sätze griffen unaufhaltsam wie Zahnräder ineinander.
Um die Sinnestäuschung vollkommen zu machen, schwitzte der Direktor Blut und Wasser, und eine Dampfwolke umhüllte ihn von Kopf bis Fuß.
»Zum Teufel!« sagte lachend zu seinem Nachbarn gewandt ein alter Mann, dessen scharfsinniges Gesicht hochgradige Verachtung gegenüber diesen rednerischen Narrheiten zum Ausdruck brachte.
»Was halten Sie davon, Richelot?«
Monsieur Richelot begnügte sich damit, als einzige Antwort mit den Schultern zu zucken.
»Er läuft heiß«, fuhr der Alte fort, indem er seine Metapher weiterspann; »Sie werden mir entgegenhalten, daß er Sicherheitsventile hat; aber wenn ein Direktor für angewandte Wissenschaften explodiert, wäre das ein peinlicher Präzedenzfall!«
»Wohl gesprochen, Huguenin«, antwortete Monsieur Richelot.
Ein nachdrückliches »Pst!« von allen Seiten unterbrach die beiden Schwätzer, die einander lächelnd anschauten.
Indes machte der Redner um so heftiger weiter; kopfüber stürzte er sich in einen Lobpreis der Gegenwart zu Lasten der Vergangenheit; er stimmte die Litanei der modernen Entdeckungen an, gab sogar zu verstehen, daß die Zukunft in dieser Hinsicht wenig zu tun bekommen werde; mit wohlwollender Geringschätzung sprach er von dem kleinen Paris des Jahres 1860 und von dem kleinen Frankreich des 19.
Jahrhunderts; unter reichlicher Zuhilfenahme von schmückenden Beiwörtern zählte er die Segnungen seiner Zeit auf, die schnellen Verbindungen zwischen den verschiedenen Punkten der Hauptstadt, die Lokomotiven, die den Asphalt der Boulevards durchfurchten, die ins Haus gelieferte Antriebskraft, die Kohlensäure, die den Wasserdampf verdrängte, und schließlich den Ozean, den Ozean selbst, der mit seinen Fluten die Ufer von Grenelle umspülte; er war bei seinem Sermon erhaben, lyrisch, dithyrambisch, mit einem Wort vollkommen unerträglich und ungerecht, denn er vergaß, daß die Wunder des 20. Jahrhunderts bereits in den Entwürfen des 19. keimten.
Frenetischer Beifall brach an eben jenem Orte aus, an dem einhundertsiebzig Jahre zuvor Hochrufe das Fest der Föderation begrüßt hatten.
Da jedoch alles hienieden ein Ende nehmen muß, selbst die Reden, blieb die Maschine stehen. Nachdem die oratorischen Übungen ohne Unfall abgeschlossen worden waren, schritt man zur Preisverteilung.
Die beim großen Leistungswettbewerb gestellte Frage zur hohen Mathematik lautete folgendermaßen: »Gegeben sind zwei Kreisumfänge OO': von einem auf O gelegenen Punkt A legt man die Tangenten an O': man verbindet die Berührungspunkte dieser Tangenten: man führt die Tangente zum Kreisumfang O durch A; gefragt ist der Ort des Schnittpunktes dieser Tangente mit der Sehne der Berührungen im Kreisumfang O'.«
Jeder begriff die Wichtigkeit eines solchen Theorems. Man wußte, wie es nach einer neuen Methode vom Schüler Gigoujeu (François Némorin) aus Briançon (Hautes-Alpes) gelöst worden war. Die Bravorufe verstärkten sich, als dieser Name verkündet wurde; vierundsiebzigmal wurde er an diesem denkwürdigen Tag ausgesprochen: zu Ehren des Preisträgers zertrümmerte man die Sitzbänke, was auch im Jahre 1960 nur eine Metapher war, um die Begeisterungsstürme zu beschreiben.
Gigoujeu (François Némorin) gewann bei dieser Gelegenheit eine Bibliothek von dreitausend Bänden. Die Erste Allgemeine Bildungskreditbank leistete ganze Arbeit.
Wir können die endlose Nomenklatur der Wissenschaften, die in dieser Bildungskaserne gelehrt wurden, nicht anführen: ein aktuelles Preisträgerverzeichnis hätte die Urgroßväter dieser jungen Gelehrten aufs äußerste erstaunt. Die Verteilung nahm ihren Lauf, und Gelächter wurde laut, wenn irgendein armer Teufel aus der Literaturdivision, dem beim Aufrufen seines Namens Schamesröte ins Gesicht stieg, einen Preis für eine Übersetzung ins Lateinische oder eine Auszeichnung für eine Übertragung aus dem Griechischen erhielt.
Doch es kam ein Augenblick, in dem der Spott sich verdoppelte, in dem die Ironie ihre demütigendsten Formen annahm. Als nämlich Monsieur Frappeloup die folgenden Worte zum besten gab:
»Erster Preis für lateinische Verse: Dufrénoy (Michel Jérôme) aus Vannes (Morbihan).«
Es herrschte eine allgemeine Heiterkeit, in der Äußerungen folgender Art zu hören waren:
»Ein Preis für lateinische Verse!«
»Er war der einzige Kandidat!«
»Seht euch doch diesen Pindospilger an!«
»Diesen Stammgast des Helikon!«
»Diesen Pfeiler des Parnaß!«
»Er geht hin! Er geht nicht!« usw.
Doch Michel Jérôme Dufrénoy ging hin, und noch dazu höchst selbstbewußt; er trotzte dem Gelächter, ein blonder junger Mann mit einem reizenden Gesicht und einem anmutigen Blick, weder linkisch noch ungeschickt. Seine langen Haare verliehen ihm ein leicht feminines Aussehen.
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