Es war nicht das, was sie sich für sich selbst ausgesucht hätte – sie war, was die neue Kargheit und wählerische Raffinesse betraf, noch nicht ganz auf der Höhe der Zeit. Aber sie hätte auch nicht gewollt, dass das junge Paar in der üppigen Kulisse aus Gobelins und «Stilmöbeln» lebte, die sie selbst bevorzugte. Vor allem wünschte sie, dass sie Schritt hielten, dass sie taten, was auch die anderen jungen Paare taten; sie hatte sogar – nach dem ersten Schrecken – Litas schwarzes Boudoir verdaut, mitsamt der Unzahl ebenholzschwarzer Samtkissen und der darauf herabblickenden Skulptur, deren Unanständigkeit Mrs Manford mit der Bemerkung zu verharmlosen suchte, ihres Wissens sei dies kubistisch. Nach allem, was sie getan hatte, fand sie es herzlos, dass Nona andeutete, Lita könnte Jims überdrüssig werden.
Der Gedanke hatte Nona eigentlich nie beunruhigt, zumindest nicht bis vor Kurzem. Auch jetzt hatte sie keinen konkreten Verdacht, es stellte sich ihr nur die unbestimmte Frage: Was würde eine Frau wie Lita tun, wenn sie das Leben, das sie führte, plötzlich sattbekäme? Aber diese Frage kehrte so oft wieder, dass sie heute Morgen mit ihrer Mutter darüber hatte reden wollen; denn wen sonst hätte sie um Rat fragen sollen? Arthur Wyant? Ach, der arme Arthur war nicht einmal fähig, seine eigenen armseligen kleinen Angelegenheiten einigermaßen vernünftig oder konsequent zu ordnen, und auf die Andeutung, jemand könne Jims überdrüssig werden, hätte er genauso empört reagiert wie Mrs Manford, allerdings ohne wie sie die eigenen Gefühle unter Kontrolle halten zu können.
Dexter Manford? Na ja… Dexter Manfords Tochter musste zugeben, dass es eigentlich nicht seine Sache war, wenn die Ehe seines Stiefsohns zu scheitern drohte, und außerdem wusste Nona, wie überlastet ihr Vater immer war, und sie schreckte davor zurück, ihm diese zusätzliche Last aufzubürden. Denn es wäre eine Last. Manford hatte Jim sehr gern (wie sie alle) und war außerordentlich nett zu ihm gewesen. Es war einzig Manfords Einfluss zu verdanken, dass Jim, der als zerstreut und unzuverlässig galt, bei der Amalgamated Trust Company eine so gute Stelle bekommen hatte; und Manford gefiel es, wie sich der Junge in seine Arbeit hineinkniete. So war er eben, dachte Nona zärtlich; wenn man Jim erst einmal zu etwas brachte, erledigte er es immer unglaublich geschickt und mit großer Ausdauer. Und dass es für Lita und den Jungen geschah, war Ansporn genug, um ihn lebenslänglich an diese Aufgabe zu binden.
Ein neuer Duft – unbekannt, aber köstlich. Umhüllt von ihm erschien Lita Wyant, halb tanzend, halb schwebend, eine Melodie summend, und während sie ihre Halskette zuhakte, drehte sich ihr kleiner, runder Kopf mit dem goldfischfarbenen Haar, dem perlmutternen Teint und den blinzelnden kastanienbraunen Augen auf dem langen Hals zur Seite wie der Kopf eines Vogels. Sie war überrascht, aber erfreut, Nona zu sehen, zeigte sich völlig ungerührt davon, dass Jim noch nicht zu Hause war, und hatte nicht die geringste Ahnung, dass der Lunch seit einer halben Stunde auf sie wartete.
«Ich habe nach meiner Gymnastik ein Sandwich gegessen und einen Cocktail getrunken. Da werde ich wohl noch keinen Hunger haben», vermutete sie. «Aber vielleicht du, armes Kind. Wartest du schon lang?»
«Nicht sehr lang! Ich kenne dich zu gut, um pünktlich zu sein», sagte Nona lachend.
Lita machte große Augen. «Willst du damit andeuten, dass ich unpünktlich bin? Was ist denn dann mit deinem vorbildlichen Bruder?»
«Er arbeitet in der Stadt, um für dich und deinen Sohn ein Dach über dem Kopf zu verdienen.»
Lita zuckte die Achseln. «Ein Dach… ich mache mir nichts aus Dächern, du etwa? Jedenfalls nicht aus diesem.» Sie packte Nona bei den Schultern, hielt sie auf Armeslänge von sich weg und fragte mit schiefgelegtem Kopf und bettelnd-beschwörender Miene: «Dieses Zimmer ist schrecklich, nicht wahr? Sag bitte, dass es schrecklich ist! Aber Jim will mir kein Geld geben, um es umzugestalten.»
«Umgestalten? Aber Lita, du hast es vor zwei Jahren genau so gestaltet, wie du es wolltest!»
«Vor zwei Jahren? Willst du damit sagen, dass dir etwas, was dir vor zwei Jahren gefiel, noch immer gefällt?»
«Ja, genau!», erwiderte Nona und fügte etwas hilflos hinzu: «Und außerdem finden alle dieses Zimmer wunderbar…» Sie hielt inne, denn sie merkte, dass sie klang wie ihre Mutter.
Lita ließ ihre kleinen Hände mit einer Geste der Verzweiflung herabsinken. «Das ist es ja gerade! Alle finden es wunderbar. Sogar Mrs Manford. Und wenn man bedenkt, was das für Dinge sind, die alle wunderbar finden! Warum so tun als ob, Nona? Es ist der typische Allerweltssalon. Jedes Paar, das im selben Jahr geheiratet hat wie wir, hat so einen. Als Tommy Ardwin – du weißt, der neue Innenarchitekt – ihn zum ersten Mal gesehen hat, sagte er ‹Meine Güte, wie gut ich das alles kenne!› und pfiff Home, Sweet Home!»
«Das ist doch klar, du Dummerchen! Schließlich hätte er gern den Auftrag, ihn neu einzurichten!»
Lita seufzte. «Wenn er das nur dürfte! Vielleicht könnte er mich mit diesem Haus versöhnen. Aber wahrscheinlich bringt das niemand fertig.» Sie blickte mit einer Miene unbeschreiblichen Ekels um sich. «Ich würde am liebsten alles, was hier drin steht, hinauswerfen. Ich langweile mich unsäglich.»
Nona lachte. «Du würdest dich überall langweilen. Ich wollte, es käme jemand wie Tommy Ardwin daher und würde dir erklären, wie klischeehaft es ist, sich zu langweilen.»
«Klischeehaft? Warum auch nicht? Wenn das Leben selbst so langweilig ist? Das Leben kann man nicht neu einrichten!»
«Wenn du es könntest, was würdest du als Erstes hinauswerfen? Das Kind?»
Litas Augen begannen Funken zu sprühen. «Sei nicht albern! Du weißt, dass ich mein Baby anbete.»
«Gut… dann Jim?»
«Du weißt, dass ich meinen Jim anbete!», echote die junge Ehefrau, sich selbst nachäffend.
«Nanu – das klingt ja bedrohlich!» Jim Wyant kam herein und sorgte mit seiner guten Laune für frische Luft. «Ich bekomme Angst vor meiner Frau, wenn sie sagt, dass sie mich anbetet», sagte er und umarmte Nona brüderlich.
Wie er so dastand, ein wenig untersetzt, stämmig und hellbraun, mit seinen strahlend blauen Augen und der kurzen Nase in dem kleinen Gesicht, in dem alles so hübsch modelliert war und dennoch so harmlos und bescheiden wirkte, überkam Nona wieder jenes alarmierende Befremden.
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