Niemand? Doch ja,
der Alkohol hatte mich dazu gebracht. Als ich das erst einmal erkannt hatte, als ich in vollem
Umfange erfaßt hatte, welch Lügner der Alkohol ist und wie er dazu aus ehrlichen Menschen Lügner
macht, schwor ich mir zu, nie wieder einen Tropfen Alkohol zu trinken und auch auf das ab und zu
bisher genossene Glas Bier zu verzichten.
Aber was sind Vorsätze, was sind Entwürfe -? Ich hatte mir ja auch an diesem Morgen der
Ernüchterung zugeschworen, wenigstens die gestern abend zwischen Magda und mir aufgekommene
wärmere Stimmung zu nützen und es nicht wieder zu einer Entfremdung oder gar zu einem Streit
kommen zu lassen.
Und doch vergingen nicht viele Tage, und wir stritten uns schon wieder. Es war eigentlich völlig
unbegreiflich: vierzehn Jahre unserer Ehe waren praktisch ohne jeden Streit vergangen, und jetzt
im fünfzehnten war es, daß wir nicht mehr ohne Streiten leben konnten. Manchmal schien es mir
geradezu lächerlich, über was für Dinge alles wir miteinander in Streit gerieten. Es schien, als
müßten wir uns zu bestimmten Zeiten streiten, ganz gleich warum. Auch das Streiten scheint wie
ein Gift zu sein, an das man sich rasch gewöhnt und ohne das man bald nicht mehr leben kann.
Zuerst bewahrten wir natürlich ängstlich die Form, wir suchten möglichst sachlich beim
Streitgegenstand zu bleiben und alles persönlich Kränkende zu vermeiden.
7.9.44
Auch legte uns die Anwesenheit unseres kleinen Hausmädchens Else Hemmungen auf. Wir wußten,
sie war neugierig und trug alles weiter, was sie erfuhr. Damals wäre es mir noch unaussprechbar
schrecklich gewesen, wenn irgend jemand in der Stadt von meinen Sorgen und unseren Streitereien
erfahren hätte. Nicht sehr viel später freilich war es mir vollkommen gleichgültig geworden, was
die Menschen von mir dachten und sprachen, und, was das Schlimmere war, ich hatte auch alle Scham
vor mir selbst verloren.
Ich habe gesagt, daß Magda und ich uns an fast täglichen Streit gewöhnten. Freilich waren das
eigentlich nur Quengeleien, kleine Sticheleien um ein Garnichts, etwas, das die zwischen uns
immer wieder auftauchenden Spannungen ein wenig erleichterte. Auch das war eigentlich ein Wunder,
aber kein schönes: viele Jahre hatten Magda und ich eine ausgesprochen gute Ehe geführt. Wir
hatten uns aus Liebe geheiratet, damals waren wir alle beide sehr kleine Angestellte gewesen,
jeder mit einem Handköfferchen, so waren wir zusammengelaufen. Ach, die herrliche
entbehrungsreiche Zeit unserer ersten Ehejahre - wenn ich heute daran zurückdenke! Magda war eine
wahre Haushaltskünstlerin, manche Woche kamen wir mit zehn Mark aus, und es kam uns vor, als
lebten wir dabei wie die Fürsten.
Dann kam die wagemutige, von immerwährender Anspannung erfüllte Zeit, da ich mich selbständig
machte, da ich mit Magdas Hilfe mein eigenes Geschäft aufbaute. Es glückte - o du lieber Himmel,
wie uns damals alles glückte! Wir brauchten nur etwas anzufassen, unseren Fleiß und unseren Eifer
einer Sache zuzuwenden, und schon gelang sie, blühte auf wie eine gutgepflegte Blume, trug uns
Früchte... Kinder blieben uns versagt, so sehr wir uns nach ihnen auch sehnten. Magda hatte
einmal eine Fehlgeburt, von da an war es mit allen Aussichten auf Kinder vorbei. Aber wir liebten
uns darum nicht weniger. Viele Jahre unserer Ehe waren wir immer wieder frisch verliebt
ineinander.
Ich habe nie eine andere Frau als Magda begehrt. Sie machte mich vollkommen glücklich, und mit
mir ist es ihr wohl auch nicht anders gegangen.
Als dann das Geschäft lief, als es jenen Umfang erreicht hatte, der ihm durch die Größe unserer
Stadt und unseres Landkreises gegeben war, einen Umfang, über den hinaus eine Erweiterung nur
durch völlige Änderung all unserer Lebensumstände und durch Wegzug von unserer Vaterstadt möglich
war, als also das brennende Interesse etwas zu erlahmen begann, kam als Ersatz der Erwerb des
eigenen Grundstücks vor der Stadt, der Bau unserer Villa, die Anlage unseres Gartens, die
Einrichtung, die uns nun für den Rest unseres Lebens begleiten sollte - alles Dinge, die uns
wieder eng aneinanderbanden und uns die Abkühlung, die in unseren Ehebeziehungen eingetreten war,
nicht merklich werden ließen. Wenn wir uns nicht mehr so wie früher liebten, wenn wir nicht mehr
so oft und heiß nacheinander begehrten, so empfanden wir das nicht als einen Verlust, sondern als
etwas Selbstverständliches: wir waren eben algemach alte Eheleute geworden, was uns geschah,
geschah allen, war etwas Natürliches.
Und, wie gesagt, die Kameradschaft beim Planen, Bauen, Einrichten ersetzte uns das Verlorene
vollkommen, aus Liebesleuten waren wir Kameraden geworden, wir entbehrten nichts.
Zu jener Zeit hatte sich Magda schon ganz von der tätigen Mithilfe in meinem Geschäft
freigemacht, ein Schritt, den wir beide damals als selbstverständlich ansahen. Sie hatte jetzt
eine größere eigene Haushaltung; der Garten und ein bißchen Federvieh erforderten auch Pflege,
und der Umfang des Geschäftes gestattete ohne weiteres die Einstellung einer neuen
Hilfskraft.
Später sollte sich zeigen, wie verhängnisvoll sich das Ausscheiden Magdas aus meinem Betrieb
auswirken sollte. Nicht nur, daß wir dadurch wiederum ein gut Teil unserer gemeinsamen Interessen
verloren, auch stellte sich heraus, daß ihre Mithilfe eigentlich unersetzlich war. Sie war bei
weitem aktiver als ich, unternehmungslustiger, auch war sie viel geschickter als ich im Umgang
mit den Menschen und vermochte sie auf eine leichte, scherzhafte Weise gerade dahin zu bekommen,
wo sie die Leute haben wollte. Ich war das vorsichtige Element in unserer Gemeinschaft gewesen,
die Bremse gewissermaßen, die eine zu gewagte Fahrt hemmte und sicherte. Im Geschäftsverkehr
selbst hatte ich die Neigung, mich möglichst zurückzuhalten, mich niemandem aufzudrängen und nie
um etwas zu bitten. Es war demnach unvermeidlich, daß nach Magdas Ausscheiden die Geschäfte erst
einmal im alten Gleise weitergingen, daß wenig Neues dazukam und daß dann allmählich, ganz
langsam, Jahr um Jahr, ihr Umfang zurückging. Über alle diese Dinge bin ich mir freilich erst
viel später klar geworden, zu spät, als es schon nichts mehr zu retten gab. Damals, als Magda
ausschied, war ich eher etwas erleichtert: ein Mann, der seine Firma allein vertritt, genießt bei
den Menschen ein größeres Ansehen als der, dem die Frau in alles hineinreden kann.
Erst, als unsere Streitereien begannen, merkte ich, wie fremd Magda und ich uns in den Jahren
geworden waren, da sie ihre Hauswirtschaft besorgte und ich den Geschäften vorstand. Die ersten
Male empfand ich wohl noch etwas wie Scham über unser Sichgehenlassen, und wenn ich merkte, daß
ich Magda verletzt hatte, daß sie gar mit verweinten Augen umherging, schmerzte mich das fast so
sehr wie sie selbst, und ich gelobte mir Besserung. Aber der Mensch gewöhnt sich an alles, und
ich fürchte beinahe, er gewöhnt sich am raschesten, in einem Zustand von Erniedrigung zu leben.
Es kam der Tag, da ich beim Anblick von Magdas verweinten Augen mir nicht mehr Besserung gelobte,
sondern mit einer mit erschrockenem Staunen untermischten Befriedigung mir sagte: Diesmal habe
ich es dir aber ordentlich gegeben! Immer gewinnst du mit deiner raschen Zunge doch nicht die
Oberhand über mich! Ich fand es schrecklich, daß ich so empfand, und doch fand ich es
richtig, es befriedigte mich, so zu empfinden, so paradox dies auch klingen mag.
1 comment