Von ihren Augen konnte man nur sehen, daß sie sehr groß sein mußten und schöne Lider zeigten; denn sie schlief.
Sie schlief den ungestörten Schlaf ihres Alters. Mutterarme sind Zärtlichkeit; Kinder schlafen darin tief.
Was die Mutter betraf, so machte sie einen ärmlichen und traurigen Eindruck. Gekleidet war sie wie eine Arbeiterin, die wieder Bäuerin werden will. Sie war jung. War sie auch schön? Vielleicht, aber in dieser Kleidung kam es nicht zur Geltung. Ihr Haar, von dem nur eine blonde Locke sichtbar war, schien sehr dicht, aber es war sorgfältig unter einer Art Nonnenhaube, die am Kinn zusammengebunden war, verborgen. Schöne Zähne kommen nur beim Lachen zum Vorschein, und diese Frau schien nicht fröhlich gestimmt. Es war, als ob ihre Augen noch nicht lange trocken wären. Sie war blaß, sah müde und kränklich aus. An der Art, wie sie das schlafende Kind in ihren Armen ansah, war zu erkennen, daß sie es selbst genährt hatte. Um ihre Hüften hatte sie ein breites, blaues Tuch, wie es die Invaliden gebrauchen, geschlungen. Sie hatte sonnenverbrannte, mit Sommersprossen bedeckte Hände, und der Zeigefinger der Rechten war hart und zerstochen; ein brauner Mantel aus dicker Wolle und ein Leinenkleid war ihre Bekleidung.
Es war Fantine.
Kaum war sie zu erkennen. Nur wenn man näher zusah, konnte man bemerken, daß sie immer noch schön war. Eine traurige Falte, die wie einer ersten ironischen Regung entsprungen schien, durchschnitt die rechte Wange. Von der luftigen Musselinkleidung und den Bändern, die früher ihre Heiterkeit, ihren Übermut und ihre Lust zu singen zum Ausdruck gebracht hatten, war jetzt nicht mehr zu bemerken als von jenen Tautropfen, die in der Sonne wie Diamanten glitzern, aber bald verdunsten und den schwarzen Zweig hervortreten lassen.
Zehn Monate waren seit jenem »guten Scherz« verstrichen.
Was hatte sich inzwischen zugetragen?
Man errät es. Einsamkeit. Not. Fantine hatte Favourite, Zéphine und Dahlia bald aus dem Gesicht verloren; sobald das Band gerissen war, das jene Männer um sie geschlungen, waren sie auseinandergelaufen, und vierzehn Tage später wären sie sehr verwundert gewesen, wenn man ihnen gesagt hätte, sie seien Freundinnen: das war jetzt überflüssig.
Fantine war allein geblieben.
Der Vater ihres Kindes war fort, denn ach, ein solcher Bruch pflegt ja unwiderruflich zu sein … also war sie vollends vereinsamt, allein mit ihrer verringerten Arbeitslust und ihrer gesteigerten Freude am Vergnügen. Durch die Verbindung mit Tholomyès hatte sie sich daran gewöhnt, das schlichte Gewerbe, das sie auszuüben verstand, zu verachten, und hatte ihre Verdienstmöglichkeiten vernachlässigt. Nun war keine Hilfe zu erhoffen. Fantine konnte kaum lesen und nicht schreiben. Man hatte ihr in ihrer Kindheit nur beigebracht, ihren eigenen Namen aufs Papier zu setzen. So ließ sie durch einen öffentlichen Schreiber einen Brief an Tholomyès richten, später einen zweiten und noch einen dritten. Tholomyès hatte nicht geantwortet. Eines Tages hörte Fantine einige Frauen über ihr Töchterchen sagen:
»Nimmt man solche Kinder ernst? Man kann nur die Achseln zucken.«
Damals war ihr Tholomyès eingefallen, der auch die Achseln zuckte und dieses kleine, unschuldige Lebewesen nicht ernst nehmen wollte. Da dachte sie schlecht von ihm.
Aber was sollte sie tun? Sie wußte sich keinen Rat. Sie hatte einen Fehltritt begangen, aber im Grunde ihres Herzens war sie schamhaft und tugendhaft. Sie begriff ungefähr, daß sie dem Elend und der Schmach verfallen müsse. Sie mußte sich ein Herz fassen, und sie tat es. Ihr kam der Gedanke, nach ihrer Vaterstadt, Montreuil sur Mer, zurückzukehren.
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